Handelszeitung, 16. August 2018
 

Krankenkassen - Kostensenkungen sind möglich

Stephan Wirz - Mitglied der Geschäftsleitung, Maklerzentrum Schweiz

«Der Leistungskatalog muss diskutiert werden. Alternativmedizin zum Beispiel gehört in die Zusatzversicherung.»

Die Kosten im Gesundheitswesen sind aus dem Ruder gelaufen, die Krankenkassenprämien steigen. Gibt es keine Massnahmen, die der Kostenexplosion Einhalt gebieten könnten? Doch.

Die demografische Entwicklung, die Inanspruchnahme unnötiger medizinischer Leistungen und die hohen Kosten in der Entwicklung neuer Medikamente sind für den Kostenschub verantwortlich. Dazu kommen Fehlanreize im Gesundheitssystem. Und die Protagonisten – Versicherte, Krankenkassen und Politik – sind in ihren eigenen Interessen gefangen. Lösungen, die über punktuelles Flickwerk hinausgehen, oder gar eine nachhaltige Reform des Gesundheitssystems, liegen in weiter Ferne. Allerdings lassen sich ein paar grundsätzliche Massnahmen identifizieren, mit denen den Kostensteigerungen begegnet werden könnte.

Die Versicherten sind stärker in die Pflicht zu nehmen

Effizient wäre es, die Versicherten stärker in die Pflicht zu nehmen, zum Beispiel in Form einer höheren Minimalfranchise. Diese könnte von 300 auf 500 Franken angehoben und der seit zehn Jahren unveränderte Selbstbehalt von 10 Prozent erhöht werden. Die Hemmschwelle, wegen Bagatellen einen Arzt aufzusuchen, würde so erhöht.

In Bezug auf die Rechnungsstellung wird zwischen Tiers payant und Tiers garant unterschieden. Bei der Tiers-payant-Methode stellen Arzt und Apotheke direkt Rechnung an die Krankenkasse des Patienten. Bei der Tiers-garant-Methode wird hingegen der Versicherte in die Pflicht genommen. Der Leistungserbringer stellt direkt eine Rechnung an den Patienten und dieser Erhält eine Rückerstattung durch die Versicherung. Nur wenn ein Patient in der Apotheke und beim Arzt in Vorleistung gehen muss, prüft er die Rechnung oder wählt im Zweifelsfall eine kleinere Medikamentenpackung. Zudem reduziert sich der Aufwand für die Kassen, wenn sie erst nach Aufbrauchen der Franchise Leistungen erbringen müssen. Bei kostspieligen Behandlungen oder Medikamenten kann jedoch eine Zession der Forderung an den Leistungserbringer erfolgen, sodass dieser direkt mit der Versicherung abrechnen kann.

Bei Hausarztmodellen entstehen immer zweimal Kosten

Managed-Care-Modelle können ebenfalls kostensenkend wirken. Beim Telefonmodell verpflichtet sich der Versicherte, vor dem Arztbesuch per Telefon eine medizinische Beratungsstelle zu kontaktieren. Dadurch wird der Arztbesuch in manchen Fällen überflüssig. Die vielgelobten Hausarztmodelle, bei denen der Erstkontakt über den Hausarzt erfolgen muss, sind hingegen keine Patentlösung, da immer zweimal Kosten anfallen. Der Leistungskatalog der gesetzlichen Grundversicherung muss ebenfalls diskutiert werden. Alternativmedizin zum Beispiel gehört in die Zusatzversicherung. Jeder Versicherte sollte eigenverantwortlich entscheiden, welche homöopathischen Leistungen er beanspruchen und diese im Rahmen der Zusatzversicherungen individuell versichern möchte.

Ein weiteres Problem ist, dass immer mehr medizinische Eingriffe ambulant durchgeführt werden, deren Kosten vom Versicherer getragen werden müssen. Im Interesse der Krankenversicherer liegen aber die häufig teureren stationären Spitalaufenthalte, da der Standortkanton einen grossen Teil der Kosten subventioniert. Auch wenn eine Verlagerung zwischen stationärer und ambulanter Behandlung kostenmässig für das ganze Gesundheitssystem teilweise in ein Nullsummenspiel resultiert, könnte eine Gleichbehandlung seitens der Kantone zumindest weiteren Fehlentwicklungen Einhalt gebieten.

Zurück zu Publikationen