Berner Zeitung, 12. August 2014
 

«Viele Leute wären bei einer Einheitskasse verunsichert»

Allein wegen des Zimmerkomforts benötigt man keine Spitalversicherung, meint Stephan M. Wirz vom Maklerzentrum. Und: Bei einer Einheitskasse würde die Nachfrage nach Zusatzversicherungen steigen.

Einheitskasse - Stephan WirzHerr Wirz, falls sich das Schweizervolk für eine Einheitskasse entscheidet, kann das Maklerzentrum dichtmachen. Einverstanden?

Stephan M. Wirz: Überhaupt nicht. Der Beratungsbedarf würde bei einer Einheitskasse sogar noch zunehmen.

Sie führen doch vor allem ein Makler- und nicht ein Beratungsunternehmen.

Das mag von aussen betrachtet den Anschein erwecken. Wir haben 80000 Kunden in unserer Kartei. Der Trend geht in Richtung Beratung bestehender Kunden. Versicherungsprodukte werden immer komplizierter. Die kompetente Beratung wird immer wichtiger.

80 Prozent Ihrer Kundschaft stammen aus der Vermittlung von Krankenkassen. Dieses Geschäft würden Sie bei einer Einheitskasse verlieren.

Die Zusatzversicherungen sollten Sie nicht vergessen. Die Nachfrage nach solchen Produkten wie auch der Beratungsaufwand würden mit einer Einheitskasse zunehmen.

Ist es nicht so, dass sich mehr und mehr Leute angesichts der chronisch steigenden Prämien in der Grundversicherung eine Zusatzversicherung gar nicht mehr leisten können?

Eine Abnahme der Nachfrage stelle ich nicht fest. Unter Umständen kommt es günstiger, die Franchise in der Grundversicherung zu erhöhen und die Zusatzversicherung zu behalten. Hier setzt die Beratung an.

Warum denken Sie, dass die Nachfrage nach Zusatzversicherungen mit einer Einheitskasse zunehmen würde?

Viele Leute wären bei einer Einheitskasse verunsichert. Sie könnten die Kasse nicht mehr wechseln, wenn sie unzufrieden sind. Sie wären der öffentlichen Kasse ausgeliefert. Mit dem Abschluss von Zusatzversicherungen erhielten sie eine zusätzliche Sicherheit.

Ein Versicherungsschutz bei zwei Krankenversicherern – das ist doch genau das, was viele Leute nicht wollen.

Aber genau das werden die Leute haben, wenn sie der Einführung einer öffentlichen Einheitskrankenkasse zustimmen. Die obligatorische Grundversicherung deckt schon heute nicht alles ab. Und sie wird es auch in Zukunft nicht tun.

Die frühere Gesundheitsministerin Ruth Dreifuss sagte nach der Inkraftsetzung des Krankenversicherungsgesetzes (KVG), mit der Grundversicherung sei man genügend versichert.

Diese Meinung teile ich nicht. Nehmen Sie das Beispiel der «Viele Leute wären bei einer Einheitskasse verunsichert» Transportkosten. Versichert sind nur die Hälfte der Kosten bis maximal 500 Franken pro Jahr. Doch der Transport in ein Spital kann teurer kommen, vor allem, wenn man in einem entlegenen Gebiet wohnt.

Allein wegen dieser Transportkosten braucht man doch keine Zusatzversicherung.

Das ist nur ein Beispiel. Die Transportkosten kann ich nicht beeinflussen. Beeinflussen kann ich hingegen, ob ich mir ein kassenpflichtiges oder nicht kassenpflichtiges Medikament verschreiben lasse. Beeinflussen kann ich ebenfalls, ob ich Alternativmedizin beanspruchen will oder nicht. Ich kann aber nicht verhindern, dass jemand für mich einen Krankenwagen bestellt, der mich auf die Notfallstation bringt. Dann sitze ich auf den Kosten.

Bei Notfällen in entlegenen Regionen kommt heute die Rega.

Nicht alle Schweizerinnen und Schweizer sind Gönner der Rega. Zudem ist die Rega ein Transportunternehmen, das dem Gönner die Kosten freiwillig erlässt. Die Rega ist kein Versicherungsunternehmen. Und wenn jemand im Ausland erkrankt und notfallmässig in ein Spital gefahren werden muss, sind die Kosten auch nicht gedeckt.

Für solche Fälle haben die meisten eine Reiseversicherung.

Das ist auch eine Zusatzversicherung. Hier gilt es zu überprüfen, ob man nicht doppelt oder mehrfach versichert ist. Manchmal sind Reisende auch via Kreditkarte versichert, wenn sie die Reise mit Plastikgeld bezahlen. Wir treffen jedoch immer wieder Fälle an, wo ein entsprechender Versicherungsschutz fehlt und die Kunden sich mit nicht gedeckten Kosten konfrontiert sehen.

Die wichtigste Zusatzversicherung ist die Spitalversicherung. Seien wir ehrlich: Das sind doch Auslaufmodelle. In den Spitälern gibt es kaum noch Vier- oder Sechsbettzimmer.

Allein wegen der Anzahl Betten braucht man in der Tat keine Spitalversicherung mehr. Man kann heute in den meisten Spitälern gegen einen Aufpreis ein Upgrading verlangen. Aber wir haben nun mal eine Zweiklassenmedizin. Der Versicherungsschutz ist bei Spitalkostenzusatzversicherungen halbprivat oder privat besser als bei der Grundversicherung.

An was denken Sie?

An den Komfort im Spital. Wichtig scheint mir, dass man das Spital frei wählen kann und nicht auf eine lange Warteliste kommt, wie das bei Grundversicherten der Fall sein kann. Wer über eine entsprechende Spitalzusatzversicherung verfügt, wird prioritär behandelt.

Der Preis für diesen Komfort ist relativ hoch.

Deshalb plädieren wir für die Flex-Modelle. Hier kann der Patient vor dem Spitaleintritt entscheiden, ob er den Komfort der allgemeinen, halbprivaten oder privaten Abteilung wünscht. Je nachdem zahlt er einen höheren oder tieferen Selbstbehalt.

Die freie Arztwahl haben Sie nicht genannt. Ist diese nicht mehr relevant?

Sie hat schon eine gewisse Bedeutung, doch häufig kennen Patienten die Spezialisten nicht. Sie gehen zu jenem Spezialarzt, der vom Hausarzt empfohlen wird. In unseren Beratungsgesprächen können wir feststellen, dass die freie Arztwahl vor allem bei der Mutterschaft wichtig ist, damit die Frauen bei der Geburt von ihrem Arzt oder ihrer Ärztin begleitet werden können.

Die entsprechenden Angebote sind ziemlich unübersichtlich.

Es gibt im Grundsatz zwei Ansätze. Bei gewissen Gesellschaften wird der Selbstbehalt in Prozent der Kosten ausgedrückt. Andere Gesellschaften legen eine Tagespauschale fest, die man als Selbstbehalt zu entrichten hat.

Was ist besser?

Ich persönliche ziehe die Tagespauschale vor. Da weiss ich, dass ich zum Beispiel 75 oder 100 Franken pro Spitaltag selber berappen muss. Hier kann ich die Kosten abschätzen. Wird aber der Selbstbehalt in Prozent der Gesamtkosten angegeben, so kann ich nur schlecht abschätzen, wie hoch die Rechnung am Schluss ausfallen wird.

Ist es nicht so, dass die meisten Kassen nur die Prozentlösung anbieten?

Das ist richtig. Das Modell der Tagespauschalen bietet beispielsweise Innova und neu auch Groupe Mutuel an.

Autor: Ste­phan Wirz

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