Zürcher Oberland, 18. August 2018
 

Wie können die Kosten im Gesundheitswesen gesenkt werden?

Steigende Löhne und eine alternde Bevölkerung treiben die Gesundheitsausgaben nach oben. Ob die eingeführten politischen Massnahmen bremsend wirken, ist fraglich. Lösungen sind vorhanden – sie müssten aber genutzt werden.

Die Gesundheitskosten und somit die Krankenkassenprämien steigen in der Schweiz seit vielen Jahren ohne Unterbruch. Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich hat jüngst neue Zahlen präsentiert – und die Misere geht auch in Zukunft weiter. Nachdem sich das Tempo der Kostenexplosion im Gesundheitswesen im letzten Jahr etwas verlangsamt hat, rechnet die KOF für 2018 und 2019 erneut mit einem stärkeren Anstieg der Gesundheitskosten. Und die Konjunkturforschungsstelle konstatiert: «Pro Kopf liegen die Ausgaben im laufenden Jahr erstmals über 10’000 Franken. » Damit liegt die Schweiz unter den OECD-Ländern auf Platz zwei, hinter den USA. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Für das anhaltende Kostenwachstum verantwortlich sind einerseits die Alterung der Bevölkerung – je älter die Menschen werden, desto häufiger benötigen sie medizinische Dienstleistungen –, und andererseits der medizinische Fortschritt, der gleichzeitig segensreich ist und enorm hohe Aufwände in Forschung und Entwicklung verursacht. Als zusätzliche Kostentreiben wirken die steigenden Löhne sowie strukturelle Fehlanreize im Gesundheitswesen selbst.

Symptombekämpfung statt Sparen

Die Schweiz hat als Hochlohnland mit einem entsprechend stolzen Preisniveau zwangsläufig hohe Gesundheitskosten. Ebenso wird niemand in Abrede stellen wollen, dass unser Gesundheitswesen qualitativ sehr hochstehend ist. Es ist aber auch ineffizient und intransparent, und weil die wenigsten Leistungsbezüger ihre vollen Kosten tragen, gleicht das Gesundheitswesen einem Selbstbedienungsladen. Das vom Bundesrat im Frühjahr verabschiedete Kostendämpfungsprogramm soll alle Akteure stärker zur Verantwortung ziehen und dafür sorgen, «dass Kosten nur in dem Umfang steigen, wie sie medizinisch zu begründen sind». Der Erfolg dürfte fraglich sein. Auch die lancierten Volksinitiativen lassen viele Fragen offen. Bei den meisten der von politischen Akteuren vorgeschlagenen Massnahmen handelt es sich um eine Symptombekämpfung und eine reine Umlenkung von Kostenströmen, was mit Sparen nichts zu tun hat.

Es gibt jedoch verschiedene und auch einfache Möglichkeiten und Massnahmen, die Kosten im Gesundheitswesen einzudämmen – aber alle Beteiligten, sprich Versicherte, Krankenkassen und Politik, müssten sie nutzen, ihr Verhalten ändern und am gleichen Strick ziehen. Eine Lösung sind zum Beispiel Managed-Care-Modelle in Verbindung mit einer telefonischen Erstberatung. Die Versicherten verpflichten sich, sich ausser in Notfällen immer zuerst an den gewählten «Gesundheitsmanager » zu wenden. Dieser Gesundheitsmanager kann ein Hausarzt, ein Gesundheitszentrum (HMO) oder ein medizinisches Beratungszentrum sein.

Telefonische Beratung erledigt Bagatellfälle

Wichtig ist, dass dieser erste Kontakt im Rahmen einer telefonischen Beratung erfolgt, damit unnötige Arztbesuche vermieden werden können. Herkömmliche Hausarztmodelle, bei denen der Erstkontakt über den Hausarzt erfolgen muss, sind hingegen eher kostentreibend, da immer doppelte Kosten anfallen. In der telefonischen Beratung können auch viele «Bagatellen » erledigt werden, wie die Ausstellung von Arztzeugnissen oder Dauerrezepten. Die medizinische Versorgung kann koordiniert und unnötige Behandlungen können vermieden werden. Wer ein Managed-Care- Modell wählt, wird mit Prämienrabatten belohnt.

Auch höhere Franchisen erhöhen die Hemmschwelle, wegen Kleinigkeiten einen Arzt aufzusuchen. So könnte die Minimalfranchise von 300 auf 500 Franken angehoben und der Selbstbehalt heraufgesetzt werden. Um das Hausarzt- oder Telefonmodell zu umgehen – und weil keine Termine im voraus vereinbart werden müssen –, suchen immer mehr Patienten die Notfallpraxis auf, die jeweils einen Notfallzuschlag erhebt. Auch diesem Trend könnte durch simple Hürden Einhalt geboten werden.

Eine besonders einfache und gleichzeitig effiziente Massnahme zur Kostensenkung ist das Kontrollieren der Rechnungen. Die Versicherten sollten jede Rechnung überprüfen, da immer wieder Leistungen verrechnet werden, die nicht erbracht wurden. Um die massiven Ausstände nicht bezahlter Krankenkassenprämien zu vermeiden, die zulasten der Öffentlichkeit (Kantone) und der Versicherungen gehen, sollten die Prämien direkt vom Lohn abgezogen werden.

Die Versicherten sind nicht allein schuld

Aber nicht nur die Versicherten müssen stärker in die Pflicht genommen werden. Die Verzerrungen im Bereich der ambulanten und stationären Eingriffe sollten aufgehoben werden; es kann nicht sein, dass teure und vom Standortkanton subventionierte stationäre Spitalaufenthalte erfolgen, weil dies im Interesse der Krankenversicherer liegt. Zudem muss der Leistungskatalog der gesetzlichen Grundversicherung neu diskutiert und die Beziehung zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern intensiv überprüft werden.

Nur wenn auch bei einzelnen Interessensgruppen unbeliebte Massnahmen umgesetzt werden, kann der Kostenzuwachs im Gesundheitswesen gebremst werden. Im nächsten Jahr werden 4 Prozent teurere Krankenkassenprämien jedoch erneut traurige Realität sein.

- Stephan Wirz, Mitglied der Geschäftsleitung der Maklerzentrum Schweiz AG

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