NZZ, 25. Oktober 2012
 

Nach Krankheit droht die Lücke

Private Erwerbsunfähigkeits-Versicherung sinnvoll für Studenten und Hausfrauen

Die Invalidenversicherung ist nicht für Invalide gedacht, sondern für Arbeitsunfähige. Kann man wegen einer schweren Krankheit nicht mehr arbeiten, kann es finanziell schnell eng werden.

Werner Grundlehner

Als ob die Invalidität nicht Last genug wäre. Wer wegen schwerer Krankheit dauerhaft arbeitsunfähig wird, kann bald vor einem leeren Konto stehen, denn ohne private Zusatzversicherung ist der Betroffene unter Umständen – wenn die Pensionskassen-Guthaben tief oder nicht vorhanden sind – allein auf die IV angewiesen, denn die Leistungen der Unfallversicherung fallen weg. Eine Invalidität infolge Krankheit ist keinesfalls die Ausnahme, sondern die Regel. Sie ist acht- bis zehnmal häufiger als Invalidität durch Unfall. Die Unfallversicherung ist in der Schweiz gut ausgebaut. Wer als Arbeitnehmer verunfallt und invalid wird, muss sich in der Regel um die finanzielle Zukunft keine Sorgen machen. Bei einer Vollanstellung kann der Arbeitnehmer mit einem Ersatzeinkommen von 80% bis 90% des letzten Lohnes bis zum Tod rechnen.

Historische Gewichtung

Die Unterscheidung zwischen Unfall und Krankheit sei in erster Linie historisch bedingt und auf die Zeit der Industrialisierung zurückzuführen, erklärt Stephan Wirz vom Maklerzentrum in Basel. In den Fabriken herrschten damals sehr schlechte Arbeitsbedingungen, was zu einem Aufstand der Arbeiterschaft geführt hat. Als eines der wichtigsten Zugeständnisse wurde die kausale Haftung des Arbeitgebers eingeführt. Die logische Folge waren Haftpflichtversicherungen und eben auch Unfallversicherungen.

Arbeitnehmer, die wegen Krankheit arbeitsunfähig werden, droht jedoch nach spätestens zwei Jahren eine Versicherungslücke. Dann läuft die Zahlung des Krankentaggeldes ab. Das Risiko einer Erwerbsunfähigkeit kann privat versichert werden. Eine Erwerbsunfähigkeits- Versicherung (EUV) im Rahmen der freien Vorsorge ist unter anderem für kinderlose Erwerbstätige oder ältere Erwerbstätige, deren Kinder bereits älter als 18 Jahre sind und ihreErstausbildung abgeschlossen haben, von Bedeutung. Die Leistungen im Krankheitsfall ohne Zuzug der Kinderrenten machen häufig nur 50% bis 60% des Erwerbseinkommens aus. Junge Erwerbstätige haben zusätzlich häufig noch ein wesentlich tieferes Einkommen, so dass die Leistungen der ersten und zweiten Säule entsprechend tiefer ausfallen können. Das grösste Risiko besteht jedoch bei Kindern, Studenten und Hausfrauen, da diese keiner Vorsorge in der zweiten Säule angeschlossen sind und im Invaliditätsfall nur die Minimalleistungen aus der ersten Säule und unter Umständen Ergänzungsleistungen bis zum Existenzminimum erhalten werden.

Wie hoch wird die Rente ?

Die wichtigste Abklärung, die vor dem Versicherungsabschluss ansteht, lautet gemäss Stephan Wirz: Wie viel würde ich im Fall einer Invalidität erhalten? Das sind die Gelder aus der ersten und zweiten Säule. Die Höhe der Invaliditätsrenten aus der ersten Säule wird aufgrund des durchschnittlichen Erwerbseinkommens und der entsprechenden Renten-Skalen ermittelt. Ab einer Invalidität von 70% erhält man die volle IV-Rente. Zusätzlich können noch Erziehungs- und Betreuungsgutschriften geltend gemacht werden. Die individuellen Kontoauszüge können bei der zuständigen Ausgleichskasse angefordert werden.

Die Höhe der Renten für einen Erwachsenen ohne Kinder liegt ab dem 1. Januar des kommenden Jahres bei maximal 2340 Fr. pro Monat und fällt unter keinen Umständen unter 1170 Fr. pro Monat aus. Falls die erwerbsunfähige Person noch mit Kindern unter 18 Jahren bzw. mit Jugendlichen in einer Erstausbildung unter 25 Jahren im gleichen Haushalt lebt, werden Invaliden- Kinderrenten von maximal 936 Fr. pro Monat für das erste Kind und maximal 1404 Fr. pro Monat für zwei und mehr Kinder fällig. Die maximale Entschädigung aus der ersten Säule für eine erwerbsunfähige Person mit zwei Kindern und einem durchschnittlichen AHVEinkommen von mehr als 84 240 Fr. (gesetzliche BVG-Obergrenze ab 2013) liegt somit bei 3744 Fr. pro Monat.

Auch Selbständige gefährdet

Bei den Leistungen der zweiten Säule wird zwischen Krankheit und Unfall unterschieden. Im Krankheitsfall kommen die Leistungen der beruflichen Vorsorge (BVG) zum Tragen. Die Höhe der Renten kann dem entsprechenden Vorsorgeausweis entnommen werden. Bei Unfällen wird eine Komplementär- Rente aus der Unfallversicherung entrichtet. Gemeinsam mit den Leistungen aus der ersten Säule dürfen die Renten insgesamt nicht mehr als 90% des versicherten Erwerbseinkommens ausmachen. Die gesetzliche Obergrenze liegt bei 90% von 126 000 Fr., also 113 400Fr. Bei höheren Löhnen ist ein Überobligatorium erforderlich.

Falls die erwerbsunfähige Person keinen Anspruch auf Leistungen der zweiten Säule hat, können Ergänzungsleistungen entrichtet werden. Betroffen sind in erster Linie Alleinstehende mit einem Teilpensum und Selbständigerwerbende, die über keine freiwillige Vorsorge-Abdeckung verfügen. Wenn die Rente aus der Pensionskasse nicht ausreicht, um das Leben im gewohnten Standard zu führen, rät Damian Gliott von den Vermögenspartnern in Winterthur, eine EUV abzuschliessen.

Wie bei allen Versicherungen auf dem freien Markt hängt die Prämienhöhe vom Umfang der versicherten Leistungen, der Wartefrist bis zum Einsetzen der Rentenzahlungen (in der Regel 720 Tage, sofern eine Lohnfortzahlung des Arbeitgebers besteht) und von den persönlichen Merkmalen der versicherten Person ab. Einige Gesellschaften differenzieren zwischen Männern und Frauen, Rauchern und Nichtrauchern sowie zwischen einzelnen Berufsgruppen. Bei bereits bestehenden Leiden können individuelle Prämienzuschläge erhoben werden. Wegen der Prämienunterschiede lohnt es sich auf jeden Fall, die Leistungen der einzelnen Anbieter sorgfältig zu vergleichen.

Gemischte Formen

Uneinigkeit herrscht bei den befragten Fachleuten darüber, ob eine EUV auch im Rahmen einer 3a-Lösung oder einer gemischten Lebensversicherung abgeschlossen werden soll. Sowohl Damian Gliott als auch der Versicherungsexperte von VZ raten davon gemäss dem Grundsatz «Sparen und Vorsorgen trennen » ab. Verbinde man die beiden Versicherungen, sei man an die jeweiligen Laufzeiten gebunden.

Stephan Wirz vom Maklerzentrum kann indes einer gemischten Lebensversicherungs- Lösung Vorteile abgewinnen. Der Kunde spare mit diesem Produkt steuerlich begünstigt für das Alter und erreiche sein Sparziel aufgrund der Prämienbefreiung auch im Invaliditäts- sowie im Todesfall. Das sei auch bei der Hinterlegung der Vorsorge- Police im Rahmen der indirekten Amortisation bei Haus- und Wohnungseigentümern von grosser Wichtigkeit. Im Rahmen dieser Police kann auch eine Erwerbsunfähigkeits-Rente eingeschlossen werden, um die entsprechenden Deckungslücken im Krankheitsfall zu schliessen. Eine derartige Lösung ist indes teurer und reduziert die Flexibilität des Versicherten.

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