SonntagsBlick, 7. September 2014
 

Ist die Einheitskasse das richtige Rezept?

In der kommenden Abstimmung geht es um eine Grundsatzfrage:

Soll das heutige System mit privaten Krankenkassen abgeschafft werden – zugunsten einer staatlichen Kasse? Der Hintergrund der Diskussion sind stetig steigende Kosten. Und das heutige System leidet darunter, dass sich Kassen die «guten Risiken» abjagen. SonntagsBlick hat einen Gegner und einen Befürworter der Einheitskasse besucht.

«Auch ohne die Einheitskasse sinkt in den nächsten Jahren die Zahl der Krankenkassen»

Stephan Wirz zur EinheitskasseStephan Wirz (32) ist Mitglied der Geschäftsleitung des Maklerzentrums, einer Beratungsfirma in Basel. Er weiss aus seinem Alltag, wie Krankenkassen versuchen, ihre Risiken möglichst klein zu halten. Zunächst überprüfen sie heute die Rechnungen sehr genau. Doch sie gehen noch einen Schritt weiter.

«Bei günstigen Kassen ist es oftmals so, dass es keine Ansprechpartner gibt, keine Beratung oder telefonische Hotline.»

Wenn eine Krankenkasse aber nur online erreichbar ist, dann ist diese für die älteren, oftmals teureren, Kunden weniger attraktiv. Das Gleiche passiert, wenn Kassen von ihren Kunden verlangen, dass sie die Arztrechnungen zuerst selber bezahlen – auch das schreckt teure Patienten ab.

Genau dieses System wird derzeit stark kritisiert.

Die Initianten einer Einheitskasse stören sich daran, dass sich die Kassen mit teuren Werbekampagnen die «guten» Risiken abwerben.

Für Wirz aber ist der Schluss, dass es deshalb eine Einheitskasse brauche, falsch.

Das System, dass jeder seine Kasse selber wählen könne, findet er grundsätzlich richtig. Doch auch er gibt zu: «Es braucht einen stärkeren Risikoausgleich zwischen Kassen mit teuren und älteren Kunden und Kassen mit günstigen und jungen.»

Mit der angekündigten Reform aus dem Departement Berset sieht er seine Forderungen erfüllt. Der neue Ansatz mit einem stärkeren Ausgleich führe automatisch zu einer Angleichung der Prämien.

Wirz erwartet auch eine Bereinigung im Markt. Einige der heute 61 Anbieter der Grundversicherung würden verschwinden.

«Auch ohne die Einheitskasse sinkt in den nächsten Jahren die Zahl der Krankenkassen.»

«Umbau des Systems wäre teuer»

Einen weiteren Punkt, den die Einheitskassen-Befürworter anführen, stellt Stephan Wirz in Abrede:

«Die Monopolisierung der Krankenkasse führt nicht zu tieferen Kosten, davon bin ich überzeugt.» Im Gegenteil: Der Umbau des ganzen Krankenkassen-Systems sei teuer und aufwendig.

Es bräuchte in so einem Fall mindestens zwei separate Policen: Eine für die staatliche Grundversicherung und eine für die Zusatzversicherung. Auch die Frage nach dem Datenaustausch zwischen der künftigen Grundversicherung und einer Zusatzversicherung sei noch völlig ungelöst.

«Statt über die Probleme des Kindes rede ich mit den Eltern mehr über die Krankenkasse»

Physiotherapeut bei der Arbeit mit einem KindThomas Schumacher (41) ist Kinderphysiotherapeut. Immer wieder kämpft er gegen den bürokratischen Apparat der Krankenkassen.

«Fast bei jedem Kind fängt es wieder ganz von vorne an», sagt er.

Seine Praxis ist in einer früheren Chäserei in Schenkon LU am Sempachersee untergebracht.

In seinem Kapuzenpullover wirkt Schumacher nicht wie eine Kämpfernatur. Aber er muss offenbar einiges wegstecken.

«Vier Berichte für ein einziges Kind muss ich häufig verfassen», erzählt er mit einem ironischen Lächeln.

Auch dann würden die Kassen oft nicht einlenken. Die Eltern seien meist so verunsichert, dass er sie beraten müsse. «Statt über das Kind reden wir über die Kasse.»

Dabei scheint doch im Gesetz alles geregelt: Der Kinderarzt verordnet eine Therapie. Ist diese im Leistungkatalog aufgeführt, muss im Normalfall die Krankenkasse zahlen. Die Realität sieht anders aus. Zeit und Energie gehen bei Schumacher verloren im Hin und Her zwischen ihm, dem Kinderarzt, den Eltern und der Kasse.

Auch eine junge Mutter, die mit ihrem Kind bei Schumacher in Behandlung ist, empfindet diesen Kampf mit der Kasse als «äusserst mühsam»: «Ich telefoniere mir die Finger wund: Kasse, Arzt, Therapeut.» Am Ende wisse sie doch nicht, ob die Kasse nun alles bezahle. Viele Familien würden da kapitulieren, weiss die Mutter. «Den Ärger wollen sie sich nicht antun.»

Die Physiotherapie alleine sei schon eine grosse Belastung: Bis zu zwei Stunden täglich arbeite sie mit dem Baby zu Hause.

Aufgeben wolle sie aber nicht. «Es kann doch nicht sein, dass ich zahlen muss, bloss weil ich bei der falschen Kasse bin.»

Vor ein paar Wochen riss Thomas Schumacher der Geduldsfaden.

An einem Anlass sprach er die Präsidentin des Dachverbandes der Patientenstellen an, Erika Ziltener (59). Daraufhin untersuchte diese gemeinsam mit dem Verband der Kinderphysiotherapeuten 20 ähnlich gelagerte Fälle.

«Es war rasch klar, dass die Kassen sich nicht an das Gesetz halten», so Ziltener. Nächste Woche wird sie daher beim Bundesamt für Gesundheit Beschwerde einreichen.

Patientenvertreter kritisieren Concordia

Ziltener zielt in erster Linie auf die Luzerner Krankenkasse Concordia.

«Es ist mehrheitlich diese Kasse, die bei dieser Leistung willkürlich entscheidet und das über den Kopf des Arztes hinweg. »

In der Beschwerde geht es um ein Elternpaar, das von der Concordia die Kosten einer Physiotherapie bezahlt haben wollte. Der Arzt hatte die Therapie verordnet. Die Kasse lehnte eine Beteiligung ab. Das Kind wurde nicht behandelt, obschon der Arzt dies für nötig hielt – mit ungewissen Folgen.

Die Concordia weist die Vorwürfe zurück. «Zu konkreten Fällen können wir nicht Stellung nehmen», sagt Jürg Vontobel (50), der als Arzt für die Concordia die Rechnungsprüfung leitet. «Aber wir verarbeiten jedes Jahr fünf Millionen Rechnungen. 99 Prozent davon können wir ohne weitere Abklärungen bezahlen, weil sie tarifkonform sind.» Sei man sich in einzelnen Fällen mit einem Physiotherapeuten uneinig, finde sich meist im Gespräch ein Kompromiss. Nur mit ganz wenigen Physiotherapeuten könne man sich in der Tariffrage nicht einigen.

«Kassen drangsalieren die Kunden»

Für Patientenvertreterin Ziltener legt der Fall Kinderphysiotherapie die perversen Mechanismen des heutigen Gesundheitssystems offen.

«Die Kassen picken willkürlich Leistungen heraus. Dann drangsalieren sie ihre Kunden, um Kosten zu sparen. Am Schluss versuchen sie, mit tieferen Prämien neue Kunden anzuwerben.» Da würde die Einheitskasse Abhilfe schaffen. Gesundheitsökonom Heinz Locher (71) ist anderer Meinung.

«Solche Fälle kämen leider auch mit einer Einheitskasse vor», sagt er.

Die müsse schliesslich auch auf die Kosten schauen. «Nur kann dort der Kunde nicht weg, wenn er unzufrieden ist.»

Die Vor- und Nachteile einer Einheitskasse ist auch ein Thema in der Praxis von Thomas Schumacher. Die junge Mutter ist skeptisch: «Was eine solche gigantische Umstellung bringen würde, weiss keiner mit Bestimmtheit. » Thomas Schumacher dagegen ist sich sicher, dass es unbedingt neue Ideen braucht – die Einheitskasse ist so eine Idee. «Sonst können wir unsere heutige Qualität nicht mehr lange halten.»

l NIKLAUS VONTOBEL

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