NZZ, 30. Mai 2016
 

Zusatzversicherungen leisten beispielsweise einen Beitrag an das Abo des Fitnessstudios. lightboxZusatzversicherungen leisten beispielsweise einen Beitrag an das Abo des Fitnessstudios.

Gewisse Krankenkassen müssen jetzt gekündigt werden

Zusatzversicherungen sind oft teuer und haben mehrjährige Laufzeiten

An den «Wechsel-Stress» mit den Krankenkassen Ende Jahr haben sich die Schweizer gewöhnt. Viele wissen nicht, dass es dann aber für wichtige Entscheide – mit den grössten Kostenfolgen – bereits zu spät ist.

WERNER GRUNDLEHNER - Sie glauben, Sie hätten bis Ende November Zeit, um den Entscheid über einen Wechsel der Krankenkasse zu fällen? Das ist nur teilweise richtig. Die obligatorische Krankenversicherung kann bis Ende November auf das Jahresende aufgelöst werden. Nachdem die Versicherungsgesellschaften im Herbst ihre Prämien für das nächste Jahr angekündigt haben, machen von dieser Möglichkeit viele Versicherte Gebrauch – und senken damit ihre Prämien teilweise markant. Gegen einen Wechsel spricht nichts, denn die gedeckten Leistungen sind bei jedem Anbieter gleich, obwohl die Prämien stark variieren.

Vier Fünftel versichern Zusätze

Die obligatorische Grundversicherung gewährleistet die medizinische Grundversorgung, so zum Beispiel die Behandlung durch Ärzte und Spitäler im Wohnkanton sowie die nötigen Medikamente. Wer jedoch auch Behandlungen in Alternativmedizin, Psychotherapien, einen Beitrag an das Fitnessstudio, die neue Brille oder den Arztbesuch im Ausland abdecken will, braucht eine Zusatzversicherung. Mehr als 80% der in der Schweiz Versicherten verfügen über eine Form der Zusatzversicherung. Diese Versicherungen haben oft eine mehrjährige Laufzeit und vielfach auch eine längere Kündigungsfrist – von fünf oder sechs Monaten, mindestens jedoch drei Monaten. Nur bei einer Prämienerhöhung ist eine Kündigung der entsprechenden Zusatzversicherung Ende November noch möglich. Wer über eine Änderung der Versicherungsleistung nachdenkt, muss also vor Ende Juni prüfen, welche Laufzeiten seine Zusatzversicherungen aufweisen. Verstreicht ein Kündigungstermin, verlängert sich der Vertrag automatisch um ein zusätzliches Jahr.

Nach Schätzung von Stephan Wirz vom Maklerzentrum Schweiz weisen ungefähr 2,5 Mio. Versicherungsverträge der grossen drei Anbieter Helsana, Groupe Mutuel und Assura eine Kündigungsfrist von fünf oder sechs Monaten auf. Die Schweizer wechseln die Zusatzversicherung weniger häufig als die Grundversicherung, trotzdem dürften sich rund 400 000 Kunden jährlich nach einem neuen Anbieter umschauen.

Die Zusatzleistungen werden typischerweise in drei Kategorien unterteilt: Die Heilungskosten-Versicherung deckt u. a. Behandlungen im Ausland, Transport sowie alternative Heilmethoden, mit einer Spitalzusatzversicherung kann die halbprivate, die private oder die flexible Unterbringung gedeckt werden, und andere Zusätze finanzieren etwa die Kosten für Zahnbehandlungen, Invalidität oder andere Risiken.

Zu viel im Bündel?

Vergleichsdienste wie das Vermögenszentrum VZ oder Comparis weisen darauf hin, dass die meisten Zusatzversicherungen überflüssig sind. Alle medizinisch notwendigen Leistungen müssen durch die Grundversicherung gedeckt sein. Wer eine Zusatzversicherung abschliesst, bekommt ein Bündel an Leistungen, von denen er meist nur einen Teil braucht. Sucht beispielsweise ein junger Erwachsener einen Kostenbeitrag für eine Psychotherapie, erhält er mit dem Vertrag aber gleichzeitig Zuschüsse für Badekuren oder Haushalthilfen. Für die Krankenkassen sind die Zusatzversicherungen wichtig, weil die Gesellschaften einen beträchtlichen Teil der Gewinne damit verdienen.

Der Einfachheit halber beziehen viele Schweizer sowohl die obligatorische als auch die Zusatzversicherung vom gleichen Anbieter. Dies ist jedoch nicht vorgeschrieben und meist auch nicht die günstigste Lösung. Bei gewissen Versicherungsanbietern verliert man durch den Wechsel einen kleinen Rabatt bei der Zusatzversicherung. Die Zusatzversicherungen bilden oft den grössten Faktor der Prämie. Gerade wenn Versicherungen externe Broker zum Vertrieb berücksichtigen, werden oft attraktive Zusatzleistungen beworben, ohne dass die hohen Kosten ausreichend thematisiert werden.

Eine periodische Überprüfung lohnt sich deshalb. Gemäss Stephan Wirz ist dabei nicht nur die Senkung der monatlichen Prämien das Ziel, sondern auch, bessere und umfangreichere medizinische Leistungen zum gleichen Preis zu beziehen. Denn das Leistungsspektrum und die Wartefristen variierten je nach Produkt, da die Versicherungsgesellschaften in der Ausgestaltung ihrer Zusatzversicherung weitgehend frei seien.

Nichts überstürzen

Wie bei jedem Vertrag ist der Versicherungsnehmer auch hier bei Vertragsänderungen, insbesondere Prämienerhöhungen, berechtigt, die Zusätze zu kündigen. Die Anbieter zeigen sich aber erfinderisch, um die Kunden vom Abspringen abzuhalten. So werden beispielsweise die Konditionen nur bei einem Teil der Zusatzversicherung geändert, so dass nur für diesen die Kündigung möglich wäre und für den Rest der Zusätze nicht. Das ist dann den Kunden oft zu umständlich.

Auch wenn der Versicherungsnehmer unzufrieden ist, bei den Zusatzversicherungen darf der Kündigungs-Entscheid nicht überstürzt gefällt werden. Falls man eine Fortführung der Zusatzversicherung wünscht, sollte diese erst gekündigt werden, wenn von einem anderen Anbieter eine Aufnahmebestätigung vorliegt. Anders als bei der obligatorischen Grundversicherung ist der Anbieter von Zusatzversicherungen nicht verpflichtet, einen Versicherungsnehmer aufzunehmen – und kann diesen ohne Angabe eines Grundes ablehnen. Für den Antrag muss ein Gesundheitsfragebogen ausgefüllt werden, dabei gilt beispielsweise ein Body-Mass- Index (BMI) über 30 als Krankheit.

Die Ablehnung erfolgt gemäss Stephan Wirz nicht willkürlich. Die Anträge werden aus zwei Gründen zurückgewiesen, entweder ist der Versicherungsnehmer bereits krank, oder er weist eine Vorgeschichte mit schlechter Zahlungsmoral oder übertrieben vielen Arztkonsultationen auf. Die Versicherungsgesellschaften tauschen die Informationen über ihre Kunden nicht aus.

Ein Krankenkassen-Berater fügt an, es sei ein heisses Eisen, eine Zusatzversicherung zu künden. Dafür gebe es eigentlich nur zwei Gründe: Entweder brauche man die ursprünglich versicherte Leistung nicht mehr, oder man könne sich die Zusatzversicherung finanziell nicht mehr leisten. Denn die Kunden werden mit zunehmendem Alter nicht gesünder. Hat man sich vorschnell eine Kündigung vorgenommen, kann man diese nur widerrufen, wenn der Widerruf vor der Kündigung beim Versicherer eintrifft, also mit einem Telefonanruf oder einem Fax.

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