Der Bund, 26.02.2014
 

Freie Bahn für Telefonverkäufer

Die Krankenkassen hatten vereinbart, dass die Provision für eine vermittelte Grundversicherung maximal 50 Franken betragen darf. Die Wettbewerbskommission hat diese Abmachung nun gekippt.

Telefonverkäufer im CallcenterAdrian Sulc

Sie sind lästig, die Anrufe der Versicherungsvermittler. So lästig, dass sich Politik und Verwaltung damit befassten – und die Krankenversicherer Angst bekamen vor einer gesetzlichen Regulierung. Deshalb einigten sich die Kassen im Jahr 2011 Jahren auf drei Punkte. Erstens: Es wird kein Telefonverkauf mehr fi nanziert, und es werden keine willkürlichen Werbeanrufe mehr getätigt. Zweitens: Für eine vermittelte Versicherung bezahlt die Kasse nicht mehr als 50 Franken Provision. Drittens: Für die Vermittler gelten nicht weiter defi nierte «minimale Qualitätsanforderungen».

Was gut tönt, hat jedoch kaum Wirkung gezeigt. Das Problem: Die Vereinbarung bezog sich nur auf die Grundversicherung. Die Versicherungsvermittler waren seither nicht weniger aktiv. Denn sie leben vorwiegend von den Provisionen für Zusatzversicherungen – und diese konnten weiterhin gut und gerne 400 Franken betragen. Ein lukratives Geschäft, dass auch unseriös arbeitende Callcenter und Verkäufer aus dem Inund Ausland angezogen hat.

Weko fürchtet um den Wettbewerb

Nun hat der Krankenkassen-Verband Santésuisse die Vereinbarung aus dem Jahr 2011 wieder aufgehoben. Nicht weil diese einen Versicherer geschmerzt hätte – sondern weil die Wettbewerbskommission (Weko) interveniert hat. Wie das Sekretariat der Weko gestern mitteilte, stellen das Telefonverkaufsverbot und die Provisionsbeschränkung der Grundversicherer eine «mögliche Wettbewerbsbeschränkung» dar.

Die Weko als Gralshüterin des Wettbewerbs argumentiert, dass eine «abgestimmte Reduktion der Werbung und der Information der Versicherten» die Transparenz vermindern und damit die Prämien in die Höhe treiben könnte.

Der Marktführer unter den Schweizer Versicherungsvermittlern, das Maklerzentrum in Basel, hat die von der Weko zu Fall gebrachte Vereinbarung der Kassen bekämpft. Für Geschäftsleitungsmitglied Stephan Wirz ergab das Telefonwerbeverbot für die Grundversicherung keinen Sinn: «Jeder Zusatzversicherte hat auch eine Grundversicherung. Daher war die Grundversicherung immer auch ein Thema – mit oder ohne Branchenvereinbarung. » An der Provision für eine vermittelte Grundversicherung werde sich jedoch nicht viel ändern, «da Provisionen sowieso grösstenteils aus den Zusatzversicherungen entrichtet werden».

Der Krankenkassenverband Santésuisse verweist in seiner Stellungnahme auf das 2012 verschärfte Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Dieses verbietet Telefonverkäufern, Nummern anzurufen, die im Telefonbuch mit einem Sternchen gekennzeichnet sind. Sowohl Santésuisse wie auch die Stiftung für Konsumentenschutz beklagten gestern, dass dieses Verbot nicht eingehalten werde. Beim Konsumentenschutz seien in den letzten zwei Jahren über 7000 Meldungen eingegangen, wonach Versicherungsverkäufer auch Personen mit Sterneintrag angerufen hätten. Die nun aufgehobene Vereinbarung der Krankenkassen sei nur eine nutzlose «Beruhigungspille » gewesen.

Das Geschäft lohnt sich

Auch die Internetplattform Comparis, die sich unter anderem mit dem Vermitteln von Grundversicherungen fi nanziert, meldete sich zu Wort. Sprecher Felix Schneuwly verweist ebenfalls auf das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, das den «Telefonterror» eindämmen sollte. Er fordert einen «konsequenten Vollzug des Gesetzes». Schneuwly schiebt den Schwarzen Peter aber den Krankenkassen zu: «Wenn die Versicherer den Unseriösen keine Provisionen mehr bezahlen würden, wäre der Sumpf von dubiosen Callcentern und Vermittlern sofort trockengelegt.»

Doch für jene Kassen, die mit Provisionen arbeiten, lohnt sich das Geschäft unter dem Strich. Besonders aktiv im Geschäft mit den Vermittlern sind die Groupe Mutuel und die Helsana – die beiden Namen fallen in der Branche immer wieder. Andere Versicherer haben in den letzten Jahren hingegen ihre eigene Verkaufsabteilung ausgebaut, was ebenfalls Prämiengelder kostet.

Autor: Stephan Wirz

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