24. September 2012
 

Im Dreisäulensystem wird man besser nicht krank - Vorsorgelücken im Überblick

von Stephan Wirz

Das Dreisäulensystem der Schweiz gilt weit herum als vorbildlich, was die Vorsorge für Alter, Tod und Erwerbsausfall anbelangt. Betrachtet man allerdings genauer, inwiefern das Vorsorgesystem die krankheitsbedingte Invalidität absichert, lassen sich grosse Lücken erkennen.

Wird ein Angestellter durch Krankheit arbeitsunfähig, ist der Arbeitgeber zu einer gesetzlichen Lohnfortzahlung verpflichtet, die allerdings auf wenige Wochen beschränkt ist. In der Praxis verfügen die meisten Arbeitgeber aber über eine kollektive Krankentaggeldversicherung, die den Lohnausfall während maximal 720 Tagen zu rund 80 Prozent finanziert. Führt die Krankheit zur Invalidität, setzen nach dieser Frist die Leistungen aus der Invalidenversicherung (IV) und der Pensionskasse ein. Allerdings decken sie dann je nach Lohnniveau und Pensionskassenreglement nur noch 50 bis 60 Prozent des Lohnausfalls ab. Dies im Gegensatz zu einer Invalidität durch Unfall, wo der Lohn von Angestellten mit den Leistungen aus der ersten Säule (IV) und der Komplementärrente aus der Unfallversicherung des Arbeitgebers zu rund 90 Prozent gedeckt ist und dies lebenslänglich.

Vorsorgelücke im Krankheitsfall

Grundsätzlich liesse sich die Vorsorgelücke im Krankheitsfall zwar schliessen, indem eine Kapitalversicherung bei Tod oder Invalidität bei einer Krankenkasse abgeschlossen wird. Eine weitere Möglichkeit ist die Erwerbsunfähigkeitsrente im Rahmen der privaten Vorsorge. Solche Versicherungsdeckungen sind jedoch teuer und übersteigen vielfach die finanziellen Möglichkeiten eines Angestellten. Die Prämien der Erwerbsunfähigkeitsrenten werden abgesehen vom Alter des Versicherungsnehmers und der Höhe der versicherten Rente zusätzlich durch den Beruf beeinflusst. Handwerker bezahlen in der Regel höhere Prämien als beispielsweise kaufmännische Angestellte. Raucher bezahlen ebenfalls häufig höhere Prämien. Weiter bedingt der Abschluss solcher Versicherungsdeckungen einen guten Gesundheitszustand. Bei bestehenden Leiden kann ein solches Produkt nicht abgeschlossen werden.

Die Invalidität stellt auch für Hausfrauen, Studenten und Kinder ein grosses Risiko dar. Bei einer Erwerbsunfähigkeit werden zwar Leistungen aus der 1. Säule entrichtet. Die Höhe dieser Leistungen wird aufgrund des durchschnittlichen AHV-Einkommens berechnet, einem Durchschnittswert der vergangenen Jahre. Es liegt auf der Hand, dass diese Renten somit tief ausfallen. Ein erwerbsunfähiger Jugendlicher wird nach Erreichen des 18. Altersjahres lediglich CHF 1547 pro Monat erhalten. Das gilt auch für den Studenten, der zwar bereits eine Stelle in Aussicht hat, aber vor dem Stellenantritt eine Krankheit erleidet, die zur Invalidität führt. Kinder und Studenten erhalten keine Leistungen aus der 2. Säule, da sie noch kein Erwerbseinkommen erzielt haben. Sie sind auf Ergänzungsleistungen angewiesen, wenn sie arbeitsunfähig werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Mehrheit der Hausfrauen, Studenten und Kinder bei Invalidität durch Krankheit schlecht versichert sind. Denn um ihre finanziellen Möglichkeiten, die Vorsorgelücke zu schliessen ist es meist noch schlechter bestellt als bei Angestellten. Potential für neue Versicherungslösungen, die Hausfrauen besser absichern, würde auch dahingehend bestehen, als bei ihrem krankheits- oder unfallbedingten Ausfall zusätzliche Kosten für eine externe Haushaltshilfe und/oder Kinderbetreuung anfallen.

Vorsorgelücke durch steigende Lebenserwartung

Eine mögliche Vorsorgelücke eröffnet sich auch durch die steigende Lebenserwartung. Die vor diesem Hintergrund nötige Senkung des Umwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge und eine mögliche Senkung der AHV-Renten haben zur Folge, dass die zukünftigen Rentnergenerationen weniger Geld zur Verfügung haben werden. Tatsache ist jedoch, dass diese Generationen in den ersten zehn bis 15 Jahren nach der Pensionierung meist nicht weniger Geld brauchen werden, als in ihrer aktiven Berufszeit. Nach diesem Zeitpunkt wird der Bedarf an Leistungen im Bereich der Pflege und Palliativmedizin allerdings erheblich steigen, und dies im Umfeld einer überalternden Bevölkerung – ist doch schon 2025 über ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt. Dementsprechend müssten die Versicherten für das gebrechliche Alter vorsorgen, auch wenn das für viele, die 30 Jahre und mehr in AHV und Pensionskasse einbezahlt haben, auf den ersten Blick Unverständnis hervorruft. Doch im Pflegefall ist das verbleibende Vorsorgevermögen rasch aufgebraucht. Die Versicherten müssen sich auch bewusst sein, dass dies bei rückläufigen Renten unter Umständen zu finanziellen Engpässen respektive Einschränkungen führen kann, wenn sie mit dem Schliessen dieser Vorsorgelücke erst im Rentenalter beginnen.

Szenarien herausarbeiten um Vorsorgelücken zu schliessen

Im Bereich der Vorsorge für den Pflegefall ist auch das grösste Potential für neue Versicherungslösungen auszumachen. Vorstellbar wäre beispielsweise eine freie Vorsorge im Rahmen einer neu zu schaffenden Säule 3c, um die nächste Familie finanziell zu entlasten sowie die öffentliche Hand und damit alle Steuerzahler. Bezogen auf die Situation in der beruflichen Vorsorge wäre auch vorstellbar, dass der technische Zinssatz frei gegeben wird, er sich also entsprechend der Wirtschaftslage entwickelt. Parallel dazu könnten in der dritten Säule flexible Produkte entwickelt werden, die insbesondere in den Tiefzinsphasen vermögensseitig den Ausgleich schaffen.

Vor diesem Hintergrund ist es unerlässlich, dass der Versicherte mit Hilfe einer professionellen Beratung möglichst früh die möglichen Szenarien im Fall von Alter, Tod und Invalidität durchspielt und erkennt, welche Vorsorgelücken sich daraus ergeben können, respektive dass er Lösungen präsentiert bekommt, die er im Rahmen der vorhandenen Mittel ausschöpfen kann, um allfällige Lücken zu schliessen. Leider ist es häufig so, dass die Einsicht erst im Schadenfall und damit zu spät kommt.

In jungen Jahren lebt der Versicherte unbeschwert und will keine Gedanken an später verschwenden. Dies ist aber meist genau die Phase, wo er viel Geld zur Verfügung hat. Denn gründet er erst einmal Familie, wird das verfügbare Budget schmaler. Und mit 45 bis 50 Jahren wird die Zeit dann bereits wieder knapp, eine ausreichende Vorsorge aufzubauen. Bedenken sollte er auch, dass ihn die Invalidität im Krankheitsfall jederzeit treffen kann.

Finanzielles Risiko bei Konkubinatspaaren

Die verschiedenen Szenarien und die daraus entstehenden Risiken zu betrachten, wird auch angesichts der Tatsache, dass heute viele Versicherte im Konkubinat in Patchworkfamilien leben, immer wichtiger. So hat der überlebende Partner im Todesfall keinen gesetzlichen Anspruch auf Witwen- bzw. Witwerrenten. Bei Konkubinatspaaren mit Kindern besteht beim Wegfall eines Erwerbseinkommens infolge eines Todesfalls ein erhebliches finanzielles Risiko – unabhängig davon, ob es gemeinsame Kinder sind oder nicht. Der überlebende Konkubinatspartner muss für das Haushalteinkommen aufkommen, ohne dass er oder sie Witwen- bzw. Witwerrenten erhält. Dieses Risiko muss im Rahmen der privaten Vorsorge abgesichert werden.

Autor: Ste­phan Wirz

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